Phytotherapie in der Schmerzbehandlung:
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- Veröffentlicht am Donnerstag, 26. Januar 2012 08:02
Phytotherapie in der Schmerzbehandlung:
Ausgewählte Wirkstoffe und Behandlungssituationen
von Univ.-Prof. Dr. Reinhard Saller
Die Phytotherapie gehört zu den ältesten bekannten Therapieverfahren. Eine erhebliche Anzahl pflanzlicher Heilmittel wird mit einer gewissen nachvollziehbaren Kontinuität seit mindestens mehreren Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden angewendet. Zum Teil sind die Anwendungsbereiche trotz erheblicher Änderungen von Medizinkonzepten und Theorien konstant geblieben. Sie ist auch derzeit das weltweit am weitesten verbreitete Arzneimittelsystem und im modernen medizinischen Alltag der mit am häufigsten therapeutisch eingesetzte Teil der Komplementärmedizin.
Die Phytotherapie umfasst schulmedizinische Aspekte (z. B. Pharmakologie und Wirksamkeitsnachweis mit klinischen Studien), basiert aber auch auf therapeutischen Aspekten der traditionellen europäischen Naturheilkunde bzw. anderer traditioneller Medizinsysteme. Ein Schwerpunkt liegt aktuell neben der Behandlung der sozialmedizinisch ausserordentlich bedeutsamen chronisch funktionellen Erkrankungen bei einer Reihe von Schmerzsyndromen. Für die Anwendung bei Patienten mit unterschiedlichen Schmerzsyndromen liegen eine Reihe von klinischen Studien sowie eine umfangreiche Empirie vor [1-11].
Pflanzliche Arzneimittel (Phytotherapeutika) sind Arzneimittel, die als wirksame Bestandteile (Wirkstoffe) ausschließlich pflanzliche Drogen und/oder Zubereitungen aus pflanzlichen Drogen enthalten. Pflanzliche Wirkstoffe sind pflanzliche Stoffe (Droge) bzw. pflanzliche Zubereitungen. Als pflanzliche Stoffe gelten alle ganzen, fragmentierten oder geschnittenen Pflanzen und Pflanzenteile, in unverarbeitetem Zustand, in getrockneter oder frischer Form. Pflanzliche Zubereitungen werden dadurch hergestellt, dass pflanzliche Stoffe Behandlungen wie Extraktion, Destillation, Pressung, Fraktionierung, Reinigung, Konzentrierung oder Fermentierung unterzogen werden. Zu den Zubereitungen gehören dementsprechend zerriebene oder pulverisierte pflanzliche Stoffe, Tinkturen, Extrakte, ätherische Öle, ausgepresste Säfte und verarbeitete Exsudate.
Durch die Wahl eines Extraktionsmittels (hydrophil, lipophil) werden gezielt unterschiedliche Wirkstoffe hergestellt. Dementsprechend lassen sich aus einer Droge als Rohstoff unterschiedlich zusammengesetzte und unterschiedlich wirkende Wirkstoffe und damit auch Phytotherapeutika fertigen. Die phytotherapeutischen Wirkstoffe sind durch die Zubereitungsform festgelegt, z. B. der Wirkstoff „Tinktur“ durch die wässrig-alkoholische Extraktion oder der Wirkstoff „Tee“ durch die wässrige Extraktion. Eine Arzneipflanze kann verschiedene Drogen liefern.
Phytotherapeutika, die nur eine Pflanzenzubereitung (z. B. einen Extrakt) in wirksamer Dosierung enthalten, werden als Monopräparate bezeichnet. Pflanzliche Kombinationspräparate liegen dann vor, wenn in einer Arzneiform zwei oder mehrere Arzneistoffe in einem bestimmten Dosierungsverhältnis (fixe Arzneistoffkombinationen) enthalten sind. Fixe Kombinationen wie auch individuell hergestellte Kombinationen (z. B. Mischungen von Tinkturen oder Teedrogen) werden in der Phytotherapie häufig verwendet. An die Qualität von Phytotherapeutika (Arzneimittelstatus) werden in der europäischen Union grundsätzlich die gleichen Anforderungen gestellt wie an Arzneimittel mit chemisch definierten Wirkstoffen. Allerdings ist zu bedenken, dass in einer Reihe von Ländern pflanzliche Mittel nicht den Arzneimittelstatus besitzen sondern als Supplemente angeboten werden, d. h. es gelten dann z. B. nur die Vorschriften des Lebensmittelrechtes.
Phytotherapeutika unterscheiden sich in wesentlichen Gesichtspunkten erheblich von anderen modernen, derzeit zumeist chemisch-synthetischen Arzneimitteln. Sie sind genuine phytogene Vielstoffgemische und nicht Einzelsubstanzen oder einfache Kombinationen von Monosubstanzen. Dies hat erhebliche wissenschaftliche und praktisch-therapeutische Konsequenzen [12].
Der Wirkstoff (Vielstoffgemisch) z.B. muss auch funktionell betrachtet werden, die reine Analytik der Einzelkomponenten wäre kein hinreichendes Abbild. In ihm liegen z. B. zahlreiche plastische Interaktionen der Einzelkomponenten vor, die im Sinne eines flexiblen Netzwerkes auf den Organismus einwirken. Der Wirkungsmechanismus eines solchen Wirkstoffes weist auf eine genuine Pleiotropie hin, d. h. er setzt sich in der Regel aus einer Reihe mehrerer von einander weitgehend unabhängiger Wirkmechanismen zusammen. Die Einzelkomponenten des Wirkstoffes (Inhaltsstoffe) liegen zumeist in sehr geringen Konzentrationen vor, so dass in der Regel nicht das gesamte quantitative Potential dieser Komponenten zum Tragen kommt (z. B. keine vollständige Stimulation oder Hemmung). Eine Reihe der Komponenten pflanzlicher Wirkstoffe sind nahezu ubiquitär in Pflanzen. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dass verschiedene pflanzliche Wirkstoffe gemeinsame Wirkungen aufweisen. So gibt es z. B. zahlreiche pflanzliche Wirkstoffe in Arznei- und Heilmitteln, die antientzündliche und analgetische Eigenschaften besitzen, sich aber in weiteren Wirkungen voneinander unterscheiden.
Sie können daher eine Art von Systemeigenschschaften besitzen, z. B. ein gemeinsames antiinflammatorisches und analgetisches Potential und darüber hinaus weitere Eigenschaften, in denen sich diese Mittel unterscheiden. Aufgrund des Vielstoffcharakters tragen pflanzliche Arznei- und Heilmittel in qualitativer Hinsicht ein zumeist breiteres Wirkungsspektum als Monosubstanzen, häufig auch ein breiteres Anwendungsspektrum. So lässt sich z. B. auch, je nach therapeutischen Erfordernissen, aus der Vielzahl von pflanzlichen Mitteln mit antientzündlichen und analgetischen Eigenschaften, je nach weiterer Symptomatik relativ patientenzentriert, ein Mittel bzw. eine phytotherapeutische Kombination auswählen, die mehrere gleichzeitig vorliegende Behandlungsanlässe bei einem Patienten umfassen können (z. B. eine komplexe Symptomatik).
Ausgewählte analgetisch wirksame Drogen
Weidenrinde
Zubereitungen aus Weidenrinde gehören zu den Phytotherapeutika, die nahezu immer genannt werden, wenn es um analgetisch wirksame pflanzliche Mittel geht. Die etablierten Anwendungsbereiche (ESCOP, Kommission E) [6, 13] sind: chronische Rückenschmerzen; symptomatische Linderung leichter osteoarthritischer und rheumatischer Beschwerden. Traditionell werden genannt: rheumatische Beschwerden, fieberhafte Erkrankungen, Kopfschmerzen (Spannungskopfschmerzen). In der EMA-Monografie sind aufgeführt: symptomatische kurzdauernde Behandlung bei Rückenschmerzen („traditional use“) sowie symptomatische Linderung leichter Gelenkschmerzen, Fieber bei Erkältungskrankheiten, Kopfschmerzen („well established use“). Zubereitungen aus Weidenrinde sind Vielstoffgemische mit einem umfangreichen, bislang weitgehend experimentell charakterisierten Wirkungsspektrum (siehe Abb. 1).

Sie besitzen neben antiinflammatorischen Eigeschaften auch analgetische Wirkungen, die z. T. nicht mit den antioxidativen und antientzündlichen Effekten gekoppelt sind. Die schmerzlindernden Wirkungen sind Dosis-abhängig. Sie sind aber insgesamt begrenzt (zumeist leichte, allenfalls mäßige Schmerzen) [2-7]. Aufgrund des Wirkungsspektrums und der Charakteristik könnte der therapeutische Wert von Weidenrindenzubereitungen in einer Art von Basistherapie liegen, die in analgetischer Hinsicht mit weiteren Schmerzmitteln kombiniert werden kann.
Arnikablüten
Phytotherapeutische Zubereitungen aus Arnikablüten besitzen antiinflammatorische und analgetische Eigenschaften[7, 9]. Sie werden zur äußerlichen Behandlung rheumatischer Beschwerden angewendet. Als Anhaltspunkte für die Dosierung gelten: Aufguss: 2 g Droge auf 100 ml kochendes Wasser, 10 min ziehen, abseihen, mehrmals tgl. für Umschläge; Tinkturen: (3 -) 5 - 10 fach verdünnen; (≤ 25 %, meist 10 - 20 %); ölige Zubereitung: ≤ 15 % (meist 5 - 10 %); Kompressen, Gel: 5 - 25 % (V/V) Tinkturen bzw. Fluidextrakte[6, 9, 13]. Außerdem werden Lotionen, Gele, Cremen und Salben als Fertigarzneimittel verwendet. Neben einer umfangreichen gesichteten Empirie liegen für ausgewählte Fertigpräparate mittlerweile auch klinische Studien vor [14-16], z. B. eine Vergleichsuntersuchung von Arnikagel gegen 5%iges Ibuprofen (international viel verwendetes topisches nichtsteroidales Antirheumatikum) bei Patienten mit einer Fingergelenks-osteoarthrose [17]. Dabei erwies sich das Arnikagel als „nicht unterlegen“ (Prüfung auf Nichtunterlegenheit). Eine Beobachtungsstudie zeigt z. B. eine relevante analgetische Wirksamkeit bei Gonarthrose [18]. Therapeutisch ist eine Verwendung qualitätsgeprüfter Fertigpräparate empfehlenswert.
Teufelskrallenwurzel
Für unterschiedliche Zubereitungen aus der Teufelskrallenwurzel liegen aus den letzten Jahrzehnten eine Reihe von vergleichenden klinischen Studien sowie von Beobachtungsstudien vor [19-21]. Sie weisen auf eine klinisch relevante schmerzlindernde und antientzündliche, dosisabhängige Wirksamkeit zumindest bei leichten und mässigen Schmerzen hin (orale Behandlung) [22]. Zu den derzeitigen Anwendungsbereichen gehören verschiedene Formen chronischer Rückenschmerzen sowie Schmerzen im Zusammenhang mit einer Osteoarthrose. Als etablierte Dosierungen gelten bei üblichen wässrig-alkoholischen Extrakten 900 - 2500 mg/Tag, entsprechend 4.5 g - 9 g
Droge/Tag [7]. Die Wirksamkeit lässt sich derzeit nicht hinreichend mit dem derzeit immer wieder gefordeten Harpagosidgehalt erklären (50 mg - 100 mg Harpagosid/Tag). Traditionell wurden Teufelskrallenwurzelzubereitungen auch äußerlich angewendet (Salbe, z. B. 100 mg Urtinktur/g) [7]. Eine neuere Studie stützt diese Anwendung.
Empirisch werden Zubereitungen auch bei Spannungskopfschmerz eingesetzt (z. B. individueller Therapieversuch bei begründet vermutetem Zusammenhang zwischen Rückenschmerzen u. Spannungskopfschmerzen (z. B. sog. HWS-Syndrom). Die Wirksamkeit scheint allerdings begrenzt zu sein.
Teufelskrallenwurzel ist eine klassische Bitterstoffdroge [7], die auf Erfahrungsbasis z. B. auch bei dyspeptischen Beschwerden angewendet wird. Diese Eigenschaft könnte darauf hinweisen, dass Zubereitungen aus Teufelskrallenwurzel sich gerade auch bei Patienten als nützlich erweisen könnten, die gleichzeitig auch an dyspeptischen Beschwerden leiden bzw. bei denen ein Zusammenhang zwischen
gelenk- oder rückenbezogenen Schmer-
zen und einer Magen-Darm-Symptomatik besteht [23].
Dreiflügelfruchtwurzel
Bereits in den letzten Jahren zeigte sich, dass zunehmend außereuropäische Heilpflanzen in eine Art europäischer Phytotherapie aufgenommen werden. Dazu gehören auch Zubereitungen aus der chinesischen Dreiflügelfruchtwurzel, für die mittlerweile einige Studien zu antientzündlichen und analgetischen Anwendungen vorliegen [24]. In Abb. 2 sind die Ergebnisse einer solchen Studie zusammengefasst. Bei einer Anwendung muss allerdings das nicht unerhebliche Potential für unerwünschte Wirkungen berücksichtigt werden.

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass diese Wirkstoffe (Vielstoffgemische) keine selektiven Wirkstoffe sind (siehe Abb. 3). In dieser Nichtselektivität könnte ein erheblicher Vorteil solcher pflanzlicher Wirkstoffe liegen (u. a. Pleiotropie, mehrere Wirkmechanismen, Multi-target-Eigenschaften) [12]. Solche pflanzlichen Wirkstoffe könnten sich als eine Art Basis für z. B. eine Art kombinierte Anwendung mit selektiven Arzneimitteln eignen.

Paprikafrüchte
Zubereitungen aus Paprikafrüchten gehören zu den meist verwendeten und gut untersuchten topischen analgetischen Phytotherapeutika [7, 9, 25, 26]. Zum Teil sind Paprikaextrakte direkt in klinischen Untersuchungen geprüft, zum Teil müssen allerdings die Behandlungsergebnisse aus Studien mit einzelnen Inhaltsstoffen (Capsaicin) bzw. Inhaltsstoffgemischen (Capsaicinoide) auf die Extrakte extrapoliert werden [27-32]. Reflektierte klinische Erfahrungen weisen darauf hin, dass dies in vielen Fällen möglich ist. Die Extrakte sowie die Inhaltsstoffe besitzen ein ungewöhnlich breites Anwendungsspektrum (siehe Abb. 4).

An unerwünschten Wirkungen steht das Brenngefühl ganz im Vordergrund [7, 9]. V. a. initial tritt bei bis zu 80 Prozent ein meist vorübergehendes Stechen und Brennen auf (Abbruchquote: bis 2 bis 6 % bei Patienten mit Osteoarthritis bzw. bis 10 % bei diabetischer Neuropathie und bis 30 % bei Post-Zoster-Neuralgie sowie bei Hautverletzungen bzw. frischen Narben). Das Hautbrennen erschwert doppelblinde Vergleichsuntersuchungen. Bei bis 5 Prozent treten Nies- u. Hustenreiz auf (Inhalation getrockneter Capsicumzubereitungen), selten Hautrötungen, ebenfalls selten bzw. sehr selten scheinen Allergien und Kontaktdermatitiden zu sein. Möglicherweise kann das Brennen (Mundschleimhaut) durch Milch (Casein) gelindert werden. Bei hochkonzentrierten Capsaicin-Präparaten sind entzündliche Hautreaktionen möglich, z. B. bei längerdauernder Anwendung Hautreizungen, Blasenbildung und Ulzerationen, außerdem Hypopigmentierungen u. gesteigerte Hautpermeabilität auch für andere Stoffe. Brenngefühl und Hautrötungen können während Duschen oder Baden verstärkt sein (vorheriges Entfernen der Präparate).
In Studien (Capsicum-Pflaster) traten bei 7.5 bis 12 Prozent der Verum- u. bei 3.1 bis 7 Prozent der Placebo-Gruppe lokale selbstlimitierende unerwünschte Wirkungen auf (474 Patienten, Rückenschmerzen, 3 Wochen Behandlung, 4 - 8 Std./Tag), jedoch keine systemischen Wirkungen.
Indischer Weihrauch (Harz)
Zubereitungen aus dem Harz des Indischen Weihrauchs besitzen nach bisherigen Untersuchungen eine breites Wirkungs- und Anwendungsspektrum (siehe Abb. 5). Dazu gehört u. a. die antientzündliche und schmerzlindernde Behandlung verschiedener rheumatischer Erkrankungen [7, 33]. Einige kleinere Studien weisen auf eine entsprechende Wirksamkeit hin [7, 34]. Anhaltspunkte für die Dosierung sind: Einzeldosis 400 mg Extrakt und Tagesdosis 400 bis 1200 bis 2400 (bis 4800) mg, wobei die hohen Dosierungen weniger für die Schmerzlinderung als für eine pleiotrope antiinflammatorische Wirkung verwendet werden (u. a. COX- und LOX-Hemmung). Die Verträglichkeit scheint gut zu sein. Selten wurden leichte gastrointestinale Beschwerden, milde Refluxsymptome, Diarrhoe, Übelkeit und sehr selten Hautausschlag berichtet. Möglicherweise können die Wirkungen anderer Leukotriensynthesehemmstoffe verstärkt werden. Eine Schwierigkeit stellt allerdings die Produktauswahl in einem nahezu unübersichtlichen Präparate-Angebot dar. Zubereitungen aus dem Harz von Boswellia serrata spielen als Analgetika auch in der Tiermedizin eine Rolle (siehe Abb. 6) [35, 36].



Für die schmerzlindernde Anwendung der hier ausgewählten Arzneidrogen und die Zubereitungen liegen zum Teil klinische Studien vor (KS), in denen einzelne analgetische Aspekte untersucht wurden. Zu einem grossen Teil beruht die Anwendung auf einer reflektierten Empirie (Empirie). Eine solche Empirie spielt v.a. bei der Anwendung von Teepräparaten und verschiedenen Tinkturen eine Rolle, für die nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen (return of investment) insgesamt nur wenige klinische Studien durchgeführt wurden.
Beinwellwurzel, -kraut, -blätter
Zubereitungen aus Beinwellwurzel, -kraut, -blättern (siehe Abb. 7) werden relativ umfänglich als topische analgetische Therapie eingesetzt [7]. Mittlerweile liegen dazu auch einige klinische Studien vor, die eine relevante analgetische und eine gewisse antiinflammatorische Wirksamkeit zeigen [37-42]. Die derzeitigen Anwendungen [7] sind für Beinwellkraut die äußerliche Anwendung bei Prellungen, Zerrungen, Verstauchungen (Dosierung: 5 - 20 % der pulverisierten Droge (≤ 100 μg Pyrrolizidinalkaloide); in der Regel nicht > 4 bis 6 Wochen/Jahr. Beschränkung gilt nicht für TD < 10 μg PA) und für Beinwellwurzel die äußerliche Anwendung bei Zerrungen, Prellungen, Verstauchungen, Distorsionen; Osteoarthritis, Epicondylitis, Tendovaginitis u. Periarthritis (Dosierung: Zerkleinerte Droge, Extrakte, Frischpflanzenpresssaft für halbfeste Zubereitungen und Kataplasmen). Für Salben oder andere Zubereitungen gilt: 5 - 20% getrocknete Droge (Zubereitungen entsprechend), Dosis/Tag ≤ 100 μg PA (1,2-ungesättigtem Necingerüst einschliesslich N-Oxide), die Anwendungsbeschränkung gilt nicht für Tagesdosen < 10 μg PA.

Hagebutte
Zubereitungen aus Rosenfrüchten (siehe Abb. 8) werden in den letzten Jahren zunehmend als antientzündliche und analgetische Behandlung bei verschiedenen rheumatischen Beschwerden empfohlen. Die Dosierungsempfehlungen liegen zumeist bei 2 bis 5 g Droge (z. B. als Teeaufguss 10 - 15 min ziehen lassen).Zwar liegen mittlerweile eine Reihe vergleichender Studien sowie Beobachtungsstudien vor, die von den Autoren als Belege für eine relevante klinische Wirksamkeit diskutiert werden [43-47], es scheint aber, dass die analgetische Wirksamkeit bei vielen Patienten doch sehr begrenzt ist.

Rheumatees
Als Rheumatees werden zumeist verschiedene Teemischungen mit variabler Zusammensetzung angeboten [1, 6, 7, 9, 11, 13]. Hinweise für die Komposition solcher Tees sind in Abb. 9 zusammengefasst. Neben standardisierten Kombinationen können je nach Beschwerdebild eines Patienten die Mischungen individuell unterschiedlich zusammengestellt und im Laufe der Behandlung abgeändert werden. Diese Flexibilität scheint für viele Patienten attraktiv zu sein, da sie spürbar patienten- und beschwerdebildorientierte qualitative und quantitative Anpassungen ermöglicht, die gerade auch vielfach von einer phytotherapeutischen Behandlung bzw. Mitbehandlung erwartet werden. Die Anwendung der Teepräparate beruht derzeit auf einer langdauernden Tradition sowie reflektierter Empirie. Ein Beispiel für einen Rheumatee zeigt Abb. 10.


Tinkturen
Vergleichbar den Mono- und Kombinationsteepräparaten werden auch verschiedene phytotherapeutische Tinkturen angewendet (einschließlich Urtinkturen) [1, 2, 6, 9, 23, 48]. Sie ermöglichen eine vergleichbare Flexibilisierung und Individualisierung der Behandlung bzw. Mitbehandlung. Bei der Herstellung von individuellen Kombinationspräparaten muss allerdings die biopharmazeutische Kompatibilität beachtet werden. Die Abb. 10 zeigt Beispiele für Tinkturen und vergleichbare Extraktmischungen. Diese Anwendung der Tinkturen beruht derzeit auf einer langdauernden Tradition sowie reflektierter Empirie.
Fixe Kombinationspräparate
Zur phytotherapeutischen Schmerzbehandlung stehen einige Kombinationspräparate zur Verfügung. So liegen etwa für eine Tinkturenkombination (Populus tremula, Fraxinus excelsior, Solidago virgaurea) eine Reihe von klinischen Studien vor, die eine analgetische Wirksamkeit bei leichten bis mäßigen rheumatischen Schmerzen zeigen [49]. In einer ersten Untersuchung bei Patienten mit dem gravierenden und schwer zu behandelnden Hand-Fuss-Syndrom weist eine topische Kombination aus standardisierten Extrakten (Calendula officinalis, Matricaria recutita und Salvia officinalis) auf eine relevante antiinflammatorische und analgetische Wirksamkeit hin [50].
Ätherische Öle
Verschiedene verdünnt applizierte ätherische Öle werden weit verbreitet als Mono- bzw. als Kombinationspräparate zur äußerlichen Schmerzbehandlung angewendet [51].
Zum Teil werden schmerzhafte Regionen direkt behandelt, zum Teil werden zur Schmerzbehandlung reflexive Beziehungen als Grundlage gewählt (Reflextherapien, z. B. Triggerpunkte, bindegewebige Zonen; Phänomene des übertragenen Schmerzes). Zur Wirksamkeit liegen bislang nur wenige klinische Untersuchungen vor, z. B. in der Behandlung von Kopfschmerzen oder bei Beschwerden im Zusammenhang mit dem Temporomandibulargelenk [52-55].
Phytotherapeutische Handbäder und Leinsamenauflagen
Auf empirischer Basis werden verschiedene phytotherapeutische Handbäder zur analgetischen aber auch antientzündlichen Behandlung angewendet (z. B. bei osteoarthritischen Schmerzen und Beschwerden) [7, 9]. Die Abb. 11a und 11b zeigen einige Beispiele. Rückmeldungen von Patienten weisen z. T. auf erstaunlich ausgeprägte und im Laufe einer Behandlungsserie relativ lange anhaltende Schmerzlinderung hin. Für Leinsamenauflagen (siehe Abb. 12) liegen neben der Empirie erste klinische Untersuchungen vor, die analgetische und antiinflammatorische Wirkungen zeigen.


Pflanzliche Enzyme
Für verschiedene Zubereitungen (Mono- und Kombinationspräparate) mit Enzymen (Bromelaine aus Ananas comosus; Papaine aus Carica papaya) liegen eine Reihe unterschiedlicher klinischer Studien bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen vor, die, wenngleich sie kontrovers diskutiert werden, mehrheitlich auf eine relevante antientzündliche und schmerzlindernde Wirksamkeit hinweisen [56, 57].
Phytotherapeutika als Koanalgetika
Neben der direkt schmerzbezogenen Anwendung von analgetisch wirksamen Phytotherapeutika eignen sich zahlreiche Phytotherapeutika auch als Koanalgetika, die sich gerade bei längerdauernden Schmerzen oder auch im Rahmen einer Schmerzkrankheit als sinnvoll erweisen.
Sie können entscheidend dazu beitragen, den Teufelskreis des Schmerzes mit seinen Folgen und Verstärkungen zu unterbrechen. Die Abb. 13 (siehe vorherige Seite) zeigt eine Auswahl von phytotherapeutischen Möglichkeiten im Zusammenhang mit einem schmerzbedingten Teufelskreis. Der Einsatz beruht derzeit im Wesentlichen auf therapeutischer Empirie.

Reflexkonzepte als Ansatz für phytotherapeutische Schmerzbehandlungen
Reflexkonzepte können in der Erklärung und v. a. der Therapie von Schmerzen eine entscheidende Rolle spielen [58, 59]. Ein tragfähiges Konzept, das in den letzten Jahren zunehmend in die klinische Forschung eingegangen ist, stellen die myofaszialen Triggerpunkte dar. In Abb. 14 sind Triggerpunkte mit den nosologischen und therapeutischen Konsequenzen kurz charakterisiert. Triggerpunkte können eine Reihe von Schmerzsyndromen zwanglos erklären und wesentliche therapeutische Ansatzpunkte liefern. Therapeutisch entscheidend ist, dass der bzw. die jeweils auslösenden Triggerpunkte und nicht die Areale des übertragenen Schmerzes behandelt werden.

Häufig ist der Triggerpunkt selbst nicht spontan schmerzhaft sondern nur das jeweilige Areal des übertragen Schmerzes (Referenzzone des verantwortlichen Triggerpunktes bzw. die sich u. U. überlagernden Referenzzonen der Triggerpunkte). Solche Triggerpunkte bilden Ansatzpunkte für vielfältige Therapien (siehe Abb. 15; z. B. eng umschriebene lokal aufgetragene Phytotherapeutika, Analgetika und Lokalanästheika, Wärme und Kälte, Massagen, Nadelungen, Blutegel). Für Phytotherapeutika liegen mittlerweile vergleichende klinische Untersuchungen für die umschriebene Anwendung von Capsicumextrakten vor (z. B. kleine Pflaster mit einer Fläche von 0.5 cm2), die u. a. eine ausgeprägte analgetische Wirksamkeit zeigen [30, 31].

Vorschläge für eine phytotherapeutische Praxisapotheke (Schmerztherapie)
Aus den zur Verfügung stehenden Phytotherapeutika lässt sich für die häufigsten schmerztherapeutischen Behandlungsanlässe eine flexible Praxisapotheke entwickeln. Ein Vorschlag für eine solche Apotheke ist in Abb. 16 zusammengestellt. Bei der Auswahl ist zu bedenken, dass die phytotherapeutischen Wirkstoffe genuine Vielstoffgemische sind, die in der Regel ein breiteres Wirkungsspektrum aufweisen als andere Schmerzmittel. Daher muss die Auswahl nicht nur unter analgetischen Gesichtspunkten erfolgen.

Es können für die eigene Praxistätigkeit auch die weiteren Wirkungen eines Phytotherapeutikums ein Auswahlkriterium sein. Zahlreiche der in der Schmerztherapie einsetzbaren Phytotherapeutika besitzen zudem, wenngleich in unterschiedlichem Ausmaß, auch gewisse Systemwirkungen, z. B. relevante antioxidative und antientzündliche Eigenschaften.
Die Verwendung einer solchen individuell variierbaren Apotheke erleichtert es, systematisch umfangreiche eigene therapeutische Erfahrungen zu sammeln. Dies kann auch insofern bedeutsam sein, als eine Reihe der Phytotherapeutika auf Erfahrungsbasis angewendet werden und zudem das vielfältige Potential dieser Arzneimittel mit Vielstoffcharakter und dessen Konsequenzen nicht allein durch standardisierte klinische Studien erfasst wird.
Prof. Dr. med. Reinhard Saller, Institut für Naturheilkunde, UniversitätsSpital, Rämistrasse 100, CH-8091 Zürich, E-Mail: This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
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