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    Heublumen

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    Kategorie: PFLANZE DES MONATS
    Veröffentlicht am Donnerstag, 26. Januar 2012 11:39

    Heublumen

    Flos Graminis

    von Reinhard Länger

    Pfarrer Sebastian Kneipp hält in seinen Schriften sinngemäß fest: wenn wir trotz vernünftiger Lebensführung (unter besonderer Beachtung von Ernährung, Bewegung, Wasseranwendungen und innerer Ausgewogenheit) krank werden, reichen die Pflanzen in unserer unmittelbaren Umgebung aus, um eine Heilung zu erzielen.


    Heublumen waren zu seiner Zeit ein Abfallprodukt, das überall in ausreichender Menge zur Verfügung stand: nach dem Winter, wenn die Heuböden auf den Bauernhöfen leer waren, verblieben kleinteilige Reste des Heus am Boden. Diese wurden gesiebt um grobe Teile zu entfernen. Der feine Anteil waren bereits die Heublumen, fertig zur Zubereitung von Anwendungsformen. Die von Kneipp empfohlenen Anwendungen waren sehr breit gestreut, von Auflagen über Bäder bis hin sogar zum innerlichen Gebrauch.

    Kneipp verwendet für die Wirkweise der Heublumen die Begriffe „ausleiten“ und „auflösen“, Begriffe, die in der traditionellen europäischen Medizin verwurzelt sind. Er bringt in seinen Büchern Anwendungsbeispiele in verschiedensten Indikationen (z.B. Gicht, Hauterkrankungen, Furunkel, „Blutstauungen“, Geschwüre, Blutvergiftung, Steinleiden, Harnbeschwerden, Magenleiden, rheumatische Beschwerden, Harnwegsinfekte). In der Kommission E-Monographie werden die Indikationen eingeschränkt auf die topische Anwendung zur Wärmetherapie bei degenerativen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises bzw. bei verschiedenen Formen von Arthritis.

    Nach einem längeren Dornröschenschlaf wurden Heublumen mit dem Aufkommen von Wellness-Trends gegen Ende des letzten Jahrhunderts wieder populär. Da nur gut sein kann, was auch „besonders“ ist, wurden zunehmend „Qualitätskriterien“ für Heublumen auf-
    gestellt: nur abgerebelte Grasblüten, möglichst von hochgelegenen Wiesen aus den Alpen, möglichst hoher Anteil an auffällig blühenden Pflanzenarten (= eine bunte Blumenwiese mit einem hohen Anteil an zweikeimblättrigen Pflanzen ist ein Indikator für Magerwiesen, während auf nährstoffreichen Wiesen die unscheinbar blühenden Gräser dominieren).

    Auch das Vorkommen spezieller Arzneipflanzen auf diesen Wiesen soll vorteilhaft sein (z.B. Kümmel, Minzen, Schafgarbe, Johanniskraut). Wenn dann allerdings Heublumen mit einem Gehalt an Lavendel oder Baldrian beworben werden, stellen sich gewisse Zweifel an der Seriosität ein.

    In der Literatur werden als wesentliche Inhaltsstoffe (Wirkstoffe?) Cumarine und ätherische Öle genannt. Cumarine, die für den typischen „Heugeruch“ verantwortlich sind, entstehen während des Welkevorgangs beim Trocknen aus geruchlosen Vorstufen (Cumaringlykosiden) durch enzymatische Spaltung. Sie kommen sowohl in manchen Grasarten (z.B. Ruchgras, Anthoxanthum odoratum) als auch in bestimmten zweikeimblättrigen Pflanzen, wie etwa dem Steinklee (Gattung Melilotus), vor.

    Aus heutiger Sicht stellen Heublumen einen sehr guten Wärmespeicher dar. Ein essentieller Beitrag von Pflanzeninhaltsstoffen zur Wirksamkeit konnte wissenschaftlich bislang nicht belegt werden. Die Erfahrung in der Praxis zeigt aber, dass sich mit Heublumen (unabhängig von der Zusammensetzung) bessere Effekte erzielen lassen als mit anderen üblichen Wärmeanwendungen (z.B. Moorpackungen).

    Sind Qualitätsprüfungen für Heu-blumen sinnvoll und überhaupt durchführbar? Ja, aber sicher nicht in dem Umfang, wie definierte Arzneidrogen nach den Standards des Europäischen Arzneibuchs geprüft werden. Während eine Arzneidroge üblicherweise von einer einzigen Pflanzenart, in wenigen Ausnahmefällen (z.B. Weißdornblätter mit Blüten) auch von mehreren, gewonnen wird, kann die qualitative und quantitative Zusammensetzung von Heublumen sehr unterschiedlich sein: sie hängt von der Artenvielfalt der Wiese und damit auch von geographischen und standortsbedingten Faktoren ab.

    Bei eigenen Untersuchungen konnten wir in einzelnen Heublumenmustern immerhin über 60 verschiedene Pflanzenarten nachweisen. Auch wenn es mit Kenntnissen der Pflanzenmorphologie und Anatomie möglich ist, unabhängig von der Herkunft der Heublumen die enthaltenen Arten weitestgehend zu identifizieren, scheint nach heutigem Wissensstand eine bestimmte Artenzusammensetzung eher unerheblich für die Wirksamkeit zu sein und wird daher auch nicht gefordert. Wesentlich wichtiger erscheinen Prüfungen etwa auf die mikrobielle Reinheit (abhängig von der Art der Düngung der Wiesen oder von Tierhaltung) und die Abwesenheit von mechanisch störenden Komponenten (z.B. Disteln).



    Aufgrund ihrer komplexen Zusammensetzung werden sich zwar Heublumen, als altes Heilmittel der europäischen Volksmedizin, trotz ihrer Beliebtheit und des vielfachen erfolgreichen Einsatzes, einer modernen wissenschaftlichen Beurteilung noch lange erfolgreich widersetzen, Heublumenanwendungen sind aber auch heute dank der entzündungshemmenden und krampflösenden Eigenschaften ein unverzichtbares und sicheres Hilfsmittel vor allem bei chronischen Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates.

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